June 12, 2020

Die Chancen der Veränderung

Veränderungen sind allgegenwärtig. Wie schafft man es als Mensch, Veränderungen gegenüber offen zu sein und zu bleiben?

Veränderungen finden statt, ob wir wollen oder nicht.

Schon Heraklit sagte: Panta rhei – Alles fließt. Wenn wir das verstehen und schauen, wie steuern oder beeinflussen wir Veränderungen, die ohnehin stattfinden, dann werden wir von Anfang an offener dafür.

Wie können wir uns auf Veränderungen vorbereiten?

Wir stehen immer zwischen den Polen der Sicherheit und der Lebendigkeit. Immer wenn wir zu viel Sicherheit wollen, werden wir weniger Lebendigkeit haben. Und wenn wir mehr Lebendigkeit haben wollen, müssen wir die Unsicherheit in Kauf nehmen. Deshalb müssen wir die Situation betrachten und uns für einen Mittelweg entscheiden: nicht volles Risiko aber auch nicht kein Risiko. Das können wir gerade unfreiwillig erleben.

Wann wird eine Veränderung zu einem Fortschritt?

Indem wir daraus einen Hinschritt machen, Fortschritt heißt nur Bewegung in irgendeine Richtung. Fortschritt passiert ständig, so wie Veränderungen passieren. Wir brauchen eine Vorstellung davon, wohin die Veränderung sich bewegen soll - sowohl für uns als Individuum als auch für die Gesellschaften - und wie wir sie beeinflussen können. Wir brauchen Werte und Ziele, die wir erreichen wollen. Damit wir sagen können, jetzt bewegt sich die Veränderung in eine Richtung, die wir wollen, damit etwas richtiger, besser wird. Dann müssen wir die Veränderungen lenken, steuern und bremsen und beschleunigen, strategisch Handeln. Wir brauchen auch eine Vorstellung von dem, was nicht gut wäre. Insofern spreche ich von dem Wort Hinschritt, damit uns die Veränderung hinführt, wo wir hinwollen oder wo wir glauben, dass es besser ist, wenn wir in diese Richtung gehen. Wir können die Veränderung nicht verhindern, aber wir können sehen, dass wir sie aufnehmen und in die richtige Richtung bringen. Leben heißt Veränderung.

Woran kann man eine Veränderung erkennen?

So viele Veränderungen passieren parallel und es ist schwer, sie alle im Bewusstsein zu haben. Wir können nicht alle Veränderungen beobachten, das ist unmöglich. Wenn man jedoch den Eindruck hat, jetzt stimmt etwas nicht, kann ich ganz gezielt die Punkte beobachten, die jetzt wichtig oder gefährdet sind. Dann muss ich mir Marksteine setzen und versuchen, die Schritte kenntlich zu machen und Begriffe dafür zu bilden, damit ich die Bewegung erinnern kann.

Um Veränderungen bei mir zu beobachten, kann ich mir selbst ein Bild machen, wo ich heute bin oder kann andere auf mich schauen lassen. Wie bist Du heute morgen aufgestanden? Kannst du singen, kannst du lachen. Uns selbst im Veränderungsprozess zu beobachten ist nicht einfach. Das erfordert eine besondere Wachsamkeit und Begriffe/Indikatoren dafür, an denen wir festmachen, jetzt hat sich etwas verändert.

Das muss jeder bei sich selbst bilden und muss auch jeder nach außen bilden, da, wo es ihm wichtig ist.

Viele Veränderungen laufen scheinbar kontinuierlich bis zu einem gewissen Punkt. Doch sie verlaufen nichtlinear, sondern in Wellen und viele exponentiell. Das täuschende daran ist, dass es eine ganze Zeit lang wie linear aussieht - parallel zur Grundlinie verläuft und auf einmal verändert es sich rasch, bis sie sozusagen mit dem Anstieg parallel verläuft. Deshalb ist es so gefährlich, weil wir am Anfang denken, es ändert sich nichts, und auf einmal haben wir eine heftige Veränderung und sagen, das ist doch unglaublich. Veränderungen verlaufen wie Beschleunigungen, zum Beispiel bei einem Teich, in den ich täglich den gleichen Unrat hinwerfe und irgendwann– scheinbar ganz plötzlich – kippt er um und ist vergiftet. Der Rückweg verläuft leider genauso, wenn ich aufhöre zu schädigen, ist die Erholung nicht sofort da, sondern ich muss so lange warten, bis aus dieser Korrektur eine positive Entwicklung deutlich sichtbar hervortritt. Am Anfang ist sie so marginal, dass ich vielleicht aufgeben will, aber das muss durchgehalten werden und dann geschieht das Überraschende, plötzlich auch exponentiell reinigt er sich und auf einmal ist alles wieder sauber.

Wie kann man sich die Angst vor Veränderungen nehmen?

In dem ich eine Sache von den Chancen her betrachte und versuche auf diese hinzusteuern. Eine alte Regel beim Autofahren ist, wenn irgendwo ein Hindernis oder ein Unfall ist, schaue nicht auf das Hindernis, sondern auf die Lücke. Schaue dahin, wo du landen willst, nicht, wo du nicht landen willst.

Wir brauchen dringend den Fortschritt, die Bewegung, denn nur dann können wir steuern, wo es hingehen soll. Ein stehendes Auto kann man nicht in eine Richtung lenken.

Das ist für uns im Leben genauso: Ich muss in Bewegung bleiben und wissen, wo will ich hin und wo nicht. Und dann entscheidend bremsen, beschleunigen, lenken.

Fördern, hemmen und ordnen - das sind die drei strategischen Kräfte, mit denen ich im sozialen Leben Hinschritte machen kann.

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Wozu dieser Podcast?

Denken in Alternativen und Konsequenzen schafft Freiraum zum Entscheiden.
Wolfgang Gutberlet und Adrian Metzger im Dialog zu Fragen und Impulsen unserer Zeit.

ZUR PERSON

Wolfgang Gutberlet

der „Ökomanager des Jahres 2005" wurde 1944 in Fulda geboren. Nach dem BWL-Studium trat er 1970 in das väterliche Unternehmen „tegut..." ein, das er bis 2009 leitete. Es war sein persönliches Anliegen, die Menschen mit gesunden und nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu versorgen. Mit der Übergabe des „tegut..."-Handels an die „Migros" 2013 wurde Wolfgang Gutberlet Vorsitzender des Aufsichtsrates der W-E-G Stiftung und Gesellschafter der W-E-G GmbH & Co. KG mit Sitz in Fulda. Wolfgang Gutberlet wurde mehrmals ausgezeichnet, u.a. als Entrepreneur des Jahres 2007, und 2008 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.