July 16, 2020

„Was fruchtbar ist, allein ist wahr“, von der Konkurrenz zur Kooperation

Bei der Vorbereitung des Themas habe ich mich gefragt, woher ich den Mut genommen habe, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Mir half die Aussage eines Pfarrers, der zu seiner Haushälterin zu sagen pflegte: „Martha, darüber müssen wir einen Vortrag halten, davon verstehen wir nichts.“

Nun, nach meiner Arbeit an dem Thema verstehe ich etwas mehr, aber ich weiß jetzt erst, wie viel mehr ich nicht verstehe und mit welcher Naivität ich doch - im Verhältnis zu dieser großen Aufgabe - das Thema behandle. Andererseits hatte ich das Thema des Vortrags als Frage lange mit mir herumgetragen. Als Herr Häfner mich fragte, ob ich einen Vortrag übernehmen würde, habe ich spontan zugesagt. Das Thema interessierte mich, weil ich schon länger versuche, mir die Frage zu beantworten, welche Bedeutung das Drama für uns heute hat - als Einzelne und auch in Gesellschaften, besonders der anthroposophischen - denn wir wissen, dass es Rudolf Steiner sehr wichtig war.

Unter diesem Gesichtspunkt werde ich versuchen, mich diesem Entwicklungsdrama des Faust in den beiden zusammengehörenden, aber doch sehr unterschiedlichen Teilen, zu widmen. Ich werde es immer wieder mit unserem, meinem täglichen Leben verbinden unter der Frage: Wie werden wir Gesellschaften gestalten?

Es beginnt mit dem Prolog im Himmel und endet mit der Himmelfahrt. Schaut man auf diese beiden Szenen - noch gar nicht inhaltlich, sondern nur stilistisch - so fällt auf, dass der Prolog im Himmel doch ein sehr vermenschlichtes Himmelsbild zeigt, in dem sogar Mephisto auftreten darf. Wohingegen die Himmelfahrt in ihrem ganzen Verlauf höchst geheimnisvoll und geistig dargestellt ist. Das macht deutlich, welche weite Entwicklung in dem gesamten Drama dargestellt wird.

In meiner Betrachtung will ich den Schluss, der mir wie ein Schlüssel erscheint, an den Anfang stellen und immer wieder versuchen, vom Ende her den Gang der Entwicklung zu betrachten.

Am Anfang steht ein Anlass, die Begegnung zwischen Gott und Mephisto. Am Ende steht eine Botschaft - eigentlich ein Anliegen, ein Zukunftsprogramm. Die letzten vier Sätze des Faust II - insbesondere der letzte - waren mir immer eine Frage, zu der ich mir meine Gedanken gemacht habe - mehr aus dem Leben heraus, weniger durch Studieren der Literatur.

Da ich sicher nicht die Erwartungen aller hier treffe, mache ich Vorbemerkungen, damit sie die Perspektive, aus der ich vortragen werde, besser verstehen können und nicht enttäuscht sind, wenn sie nicht hören, was sie erwarten oder selbst denken.

Ich bin Kaufmann und war mit dieser Aufgabe ganz gut im Leben ausgelastet. Dennoch bin ich im Alltag lernend geblieben und habe überlegend gesucht, was hinter den Erlebnissen wirkt - mehr praktisch überdenkend - aus den Lebensfragen heraus, lernend in Gesprächen mit Menschen und durch das Studium der Wirklichkeit.

Ich bin geprägt durch eine sehr strenge katholische Erziehung, die ich nicht widerwillig aufgenommen habe, und vor allen Dingen durch meine Begegnung mit der Anthroposophie als ich 30 Jahre geworden war. Auch die Begegnung mit der Anthroposophie war keine Auseinandersetzung mit dem Schrifttum von Rudolf Steiner, sondern kam durch die Wahrnehmung einer anthroposophischen „heilpädagogischen“ Einrichtung anlässlich einer Einladung des Rotary Club Fulda zum Besuch der Oberuferer Weihnachtsspiele. Ich war tief beeindruckt von der dort gelebten Kultur im Umgang miteinander, was mich veranlasste der Frage nachzugehen, wer diese Kultur begründet hat und erhält. Der Hinweis auf ein Bild von Rudolf Steiner und seinen Namen führte dazu, dass ich am nächsten Morgen die Buchhandlung bat, mir die Gesamtausgabe von Rudolf Steiner zu besorgen. Dankenswerterweise hat diese rückgefragt, ob ich das ernst gemeint hätte. Sie hatten beim Ausführen bemerkt, dass die Anzahl der Bände so hoch war, dass sie vermuteten, ich hätte mich getäuscht. Die geänderte Strategie führte dazu, dass ich die heilpädagogische Einrichtung öfter besuchte und mit dem Leiter Herrn Eisenmeier und dem pädagogischen Leiter Herrn Heckmanns Gespräche führte, um mir ein Bild zu machen, wie ich mich dieser für mich beeindruckenden Kultur nähern konnte.

Da meine Kinder nach meiner Entführung die Schule wechseln mussten, bot sich die Möglichkeit an, dahin zu wechseln, wo die Kinder dieser Einrichtung zur Schule gingen. Das war die Waldorfschule in Loheland. Bei dem Versuch, die Gedanken von Rudolf Steiner mehr in die Wirklichkeit zu bringen, den Sonntag in den Werktag zu bringen, lernte ich das NPI kennen. In den ersten Tagungen traf ich auf Herrn J. J. Sick, der mir ein wichtiger Lehrer und Meister wurde. In Gesprächen mit Götz Werner anlässlich einer Handelstagung merkten wir beide, dass unsere Kinder in Waldorfschulen gingen. Da wir beide auf ähnlicher Suche waren, führte das zu einem intensiven Zusammenforschen, wie man anthroposophische Ideen mehr im Unternehmen verwirklichen könnte.

Die Kulturfrage war für mich deshalb so wichtig, weil ich als junger Mensch, noch nicht 30 Jahre, vor der Aufgabe stand, ein ganz aus der Kultur meines Vaters geprägtes Unternehmen weiterzuführen, wohl wissend, dass die Kultur dieses Unternehmens, wenn es wachsen sollte, metamorphosiert werden musste. Mit der Einstellung, dass gut war, was bisher geschehen ist, aber dass es verändert werden musste, wenn es auch in Zukunft gut sein sollte, bin ich unterwegs gewesen. Zum besseren Verständnis will ich erwähnen, dass mein Vater nach dem Krieg, weil er dort schwer verwundet wurde, durch den Verlust eines Beines keine Arbeit fand und sich zwangsläufig selbständig machen musste.  Durch sein strebendes Bemühen hat er aus dem Nichts ein kleines Lebensmittelfilialenunternehmen entwickelt. Dieses sollte ich später übernehmen. Ich konnte es dann weiterentwickeln bis zu einer Größe von 1 Milliarde Euro Umsatz, mit über 7000 Mitwirkenden und dabei einen wichtigen Beitrag zur Versorgung vieler Menschen mit guten biologischen Lebensmitteln leisten und damit auch einen Beitrag zur biologischen Ernährung und Herstellung insgesamt.

Wenn ich meine Biographie mit meinen Gedanken zu Faust verbinde, dann um zu zeigen, wie wir alle aus dem Faust-Verständnis auch die eigene Biographie besser verstehen lernen können.

Ich war damals in manchen katholisch kirchlichen Einrichtungen sehr engagiert. Dabei wuchs mein Eindruck, dass etwas mangelte, was ich als das Grundsätzliche und zugleich das Charismatische bezeichne. Das fand ich in der Anthroposophie. In Gesprächen mit Benediktus Hardorp und Götz Werner wuchs der Mut, in einigen wichtigen Punkten die anthroposophischen Gedanken auch erlebbar zu machen. Da war zum Beispiel die Trennung von Arbeit und Einkommen. Wie könnte man erlebbar machen, dass nicht die Arbeit das Einkommen ermöglicht, sondern zuerst das Einkommen da sein muss, um arbeiten zu können. Damit ist noch nicht die Trennung von Arbeit und Einkommen im eigentlichen Sinne erreicht, aber ein Schritt in die Richtung. In Folge dieser Gespräche habe ich begonnen, einem sehr großen Teil der Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaft, soweit sie nicht tarifgebunden waren, ihr Gehalt am Monatsanfang zu zahlen statt am Ende. Interessanterweise war bei den Betroffenen die Bewertung nicht nur positiv, weil sie in der Einteilung ihres Budgets umdenken mussten.

Ich komme zurück zum Drama selbst und beginne mit der Betrachtung der letzten Zeilen des Faust II:

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, /Das Unzulängliche hier

wird´s Ereignis, /Das Unbeschreibliche hier ist´s getan, /Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

Was wollen uns die 4 Zeilen sagen?  

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis: Also es geht weniger darum, was auf Erden geschieht, es geht vor allen darum, was wir hier daraus lernen.

Das Unzulängliche hier wird´s Ereignis: Also das Unzulängliche ist Voraussetzung für die Entwicklungsoffenheit, ist damit Voraussetzung für die Freiheit.

Das Unbeschreibliche hier ist´s getan: Also Gottes Tat, den Menschen zu schaffen, ihm einen Raum zu geben, sich auf ihn hin entwickeln zu können und dabei zu verzichten auf seine Allwissenheit und auf seine Allmacht und diese mit den werdenden Menschen zu teilen in einem dynamischen Prozess.

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan: Also die Betonung liegt nicht auf dem Weiblichen, sondern auf dem Ewigen. Was ist das Ewig-Weibliche und was heißt hinan? Wir Menschen sind dreidimensional orientierte Wesen. Wir orientieren uns in Raum, Zeit und Sein. Räumlich und zeitlich sind uns die Polaritäten zwischen „hier“ und „überall“ - „augenblicklich“ und „ewig“ - offensichtlich. Im Sein bewegen wir uns zwischen Himmel und Erde, oder Himmel und Hölle. Wir bewegen uns in diesen drei Polaritäten und Dimensionen bis wir in der Nachfolge Christi selbst das Auferstehungserlebnis haben werden und in dessen Folge den „Phantomleib“, wie ihn Rudolf Steiner genannt hat, bekommen. In diesem vereinigen sich „hier“ und „überall“, „augenblicklich“ und „ewig“, ebenso „materiell“ und „geistig“. Ist diese räumlich, zeitlich, seinsmäßige Entwicklung das Ewig-Weibliche? Ist dies die Frucht des menschlichen Lebens? Ja. Durch die Liebe kommt es zum Ausgleich der Polaritäten und in Verbindung damit zu Fruchtbarkeit.

Wie kann man den Reifeprozess dahin in dem Verlauf von Faust I und Faust II finden? Das will ich versuchen zu markieren und zu skizzieren:

Im Faust I geht es um das Streben und die Gnade, geht es um Streben und Liebe. Faust strebt nach Wissen, nach Allwissenheit. Er erkennt, dass sie nicht erreichbar ist, und auch, dass ihm dazu eine Kraft fehlt. Es ist die Liebe. Da er diese nur ahnend erfasst hat, kann Mephisto versuchen, ihm ein falsches Bild der Liebe einzupflanzen, was ihm teilweise gelingt, letztlich aber doch nicht. Er schafft es, Faust dabei zur Lüge und in deren Steigerung zum Töten zu verleiten. Das kann uns ein mahnendes Beispiel dafür sein, wie eine kleine Lüge, die scheinbar keinen Schaden anrichten kann, sich steigert zu einem großen Schaden, der eine Entwicklungsmöglichkeit zerreißt und eine Schicksalsgemeinschaft zerstört. Und am Ende des Faust I urteilt Mephisto in Bezug auf Gretchen: „Ist gerichtet“ und von oben wird korrigiert: „ist gerettet.“ Gretchen hat sich selbsterkennend dem Urteil von oben hingegeben, um Gnade bittend und die irdische Welt – nicht leichten Herzens – zu verlassen. Faust möchte das Schicksal wenden, doch er folgt letztlich dem Ruf Mephistos: „Her zu mir!“

Fausts Entwicklung auf Erden mit Mephisto muss so weitergehen! Was sind die Fragen in Faust II? Hier steht im Vordergrund die Frage nach der Allmacht. Dieser Teil des Entwicklungsdramas ist für mich schwerer zugänglich. Die weiten Welten, deren Räume und Persönlichkeiten, an denen die Entwicklung des Faust dargestellt wird, sind mir bei meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung und schließlich kaufmännischer Tätigkeit sprachlich nicht vertraut geworden.

So bleibt Faust II auch vielen anderen Menschen in seinem Bilderreichtum geheimnisvoll. Goethe hat wohl bewusst verhindert, dass man ihn hätte fragen können, was er mit diesen Bildern gemeint habe. Er selbst hatte verfügt, dass die Veröffentlichung des Faust II erst nach seinem Tod erfolgen sollte. Das Motiv können wir nicht wissen. Die Folgen sind, es bleibt ein Gleichnis mit großem Freiraum für Interpretation und eine Herausforderung, sich damit zu beschäftigen.


In Bezug auf das Ewig-Weibliche habe ich nach anderen Quellen in Goethes Werken, die mich korrigieren oder bestätigen könnten, gesucht. Für mich wurden zwei Sätze wichtig und leitend:

Der Erste ist aus dem Gedicht Vermächtnis, dessen Bezeichnung schon die Bedeutung unterstreicht: „Was Fruchtbar ist, allein ist wahr“. Dieser Satz ist auch zum Titel des Vortrags geworden.

Der Zweite ist aus Maximen und Reflektionen: „Zum Zerstören gelten viele Argumente, zum Bauen keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.“ Bauen steht hier für Fruchtbarkeit. Im ersten Satz „Was fruchtbar ist, allein ist wahr“ schaut man ganz aus den Folgen retrograd auf das Handeln und urteilt über dessen Wahrheit aus den Folgen. Das ist ein Michaelischer Gedanke. Im zweiten Satz „Was nicht wahr ist, baut nicht“ übernimmt der Handelnde die Verantwortung für die Fruchtbarkeit. Der Handelnde muss sich eine Vorstellung bilden von den Folgen, den Wirkungen seines Handelns. Sind es zerstörende oder bauende? Mit Hilfe der wahrhaftigen moralischen Phantasie soll er auf die Folgen blicken.

Die beiden Sätze binden Kausalität und Finalität, Wahrheit und Fruchtbarkeit eng zusammen. Was nicht wahr ist, kann nicht fruchtbar werden und nur was fruchtbar geworden ist, erkenne ich als wahr. Somit sind Wahrheit und Fruchtbarkeit sich gegenseitig bedingend.


Darf ich Ihnen an einer kleinen Beobachtung zeigen, dass wir damit in unserem täglichen Leben routiniert umgehen? Wenn wir Menschen einander begegnen, dann ist es oft so, dass wir dem anderen etwas sagen möchten oder auch glauben, sagen zu müssen. Wie gehen wir dabei mit Wahrheit und Fruchtbarkeit um? Wir wägen ab, unter diesen beiden Kriterien: Ist es wahr und/oder fruchtbar, was wir von dem sagen, was wir denken. Wenn wir klug und selbstbeherrscht sind, wird es uns gelingen, nicht zu viel und nicht zu wenig zu sagen. Wir könnten auch den Engel des anderen fragen, was wir sagen sollten.

Das Urteil über Fausts Entwicklung am Ende des Dramas wird gesprochen als Engel „schwebend in der Atmosphäre“ „sein Unsterbliches“ tragen. Über Fausts Unsterbliches sagen nun eben diese Engel: „Wer immer strebend sich bemüht, / den können wir erlösen.“ Diesen Satzteil kennen wir fast alle als erzieherischen Impuls. Den genau so wichtigen zweiten Teil weniger: „Und hat an ihm die Liebe gar / von oben teilgenommen, / begegnet ihm die selige Schar / mit herzlichem Willkommen.“ Es gibt ein herzliches Willkommen, weil die Entwicklung im irdischen Leben und Schicksal eine solche war, dass die Liebe von oben her teilgenommen hat. Die Dramatik der Polarität im Übergang von Faust I zu Faust II – die Trennung von Faust und Gretchen in der höchsten Polarität kommt hier nach jeweiliger Steigerung beider Seiten zusammen. Gretchens Liebe „von oben“ stiftet die Möglichkeit zu Fausts Erlösung in seinem Ringen um wahre Entwicklung.

Die beiden Begriffe Wahrheit und Liebe stehen in einem Prozess. Es wird nicht vom Machen oder Gemachtem gesprochen, sondern vom Ermöglichen und wahrhaftigen Streben.

Gestatten Sie, dass ich Ihnen ein Beispiel davon gebe, wie im wirtschaftlichen gerungen werden muss: Durch eine Fehlfinanzierung wurden wir zahlungsunfähig. Das hörte ich abends und musste am nächsten Morgen bei der Bank antreten, um nach einer Lösung zu suchen. Diese hatte, weil es ein Konsortialkredit war, sofort alle anderen Geldgeber informiert. Es stand mir also bevor, dass ich 30 Vertretern von Banken und Kreditversicherern gegenübersitzen würde, für die es wirtschaftlich sehr profitabel gewesen wäre, das Unternehmen zu zerlegen und zu verkaufen. In dieser Situation schaut man in einen Abgrund und muss doch alle Kräfte zusammennehmen, um im strebenden Bemühen zu bleiben und nicht zu resignieren. Dies ist mir in Zusammenarbeit mit einem guten Aufsichtsrat und einem hinzugenommenen Berater gelungen. Da sind manchmal ganz kleine Dinge wichtig, vor allem Zeichen von Vertrauen. So hat mich der die Restrukturierung führende Bankenvertreter nach dieser Sitzung verabschiedet mit dem ehrlich gemeinten Wunsch bei herzlichem Händedruck: „Er wünsche mir viel Glück.“ Das hatte mir gezeigt, dass es ihm selbst leid tat, dieses doch gut funktionierende Unternehmen so in die Hände der Banken zu geben. Die Menschen im Unternehmen wussten von den Problemen, konnten sie aber nicht bewerten. Sie sagten mir später, dass sie sich daran orientiert hätten, wie ich täglich morgens zur Tür hereingekommen wäre und daran ihre Kraft und Zuversicht gewonnen hätten.

Ich kann nicht sagen, dass ich das gemacht habe, aber ich kann sagen, dass mein Bemühen an dieser Stelle die Arme der Götter herbeigerufen hat, wie Goethe sagte. Nach einem Jahr waren wir wieder auf Kurs und aus der Restrukturierung entlassen.

Also: Unsere Aufgabe ist, uns um Wahrheit um Fruchtbarkeit zu bemühen. Dann kann uns die entgegenströmende Liebe in uns und um uns zur Fruchtbarkeit führen. Diese Haltung, die Rudolf Steiner „Devotion“ nannte, hat er sehr persönlich gefasst. Aus einem seiner Notizbücher ist der beeindruckende Text:

„Im Gefühle der Bedürftigkeit DEINER Gnade, / Christus-Licht der Welt, harre ich nach Kräften / öffnend der Seele Pforten / DEINER Erleuchtung / Still in mir will ich sein / und DIR danken DEINER Gabe / und sie geben / als DEIN Geschenk an Menschen / Werkzeug DEINES Wortes / will ich sein / mit meiner Seele / besten Kräften / echten Tiefen / stillsten Ehrfurchten.“


So haben wir einige Entwicklungsthemen des Faust über beide Teile skizziert und die spannende Frage, ob Wahrheit eine Voraussetzung für Fruchtbarkeit ist und man nur an der Fruchtbarkeit erkennen kann, was wahr ist, damit verbunden. Auch habe ich Alltagsringen einbezogen und Sonntag und Werktag versucht zu verbinden.

Die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft und die Polarität und Steigerung von Kausalität und Finalität, die das Werk durchziehen, können aus der Spannung zur liebevollen Gestaltung der Gegenwart führen. Wir können uns eingestehen, dass in jedem bewusst geführten Leben dieses Erlebnis von Polarität und Steigerung Entwicklung bringt. Das Gleichnis führt zum Ereignis und in der liebevollen Tat zur Frucht. Wie sehr Denken und Verwirklichen zusammenwirken, ist mir an einer Kleinigkeit aufgefallen. Dazu möchte ich Ihnen aus dem Gedicht Vermächtnis eine Strophe vortragen, die von dieser teleologischen Verbindung von Vergangenheit und Zukunft spricht:

„Genieße mäßig Füll und Segen, / Vernunft sei überall zugegen,

Wo Leben sich des Lebens freut. / Dann ist Vergangenheit beständig, /

Das Künftige voraus lebendig, / Der Augenblick ist Ewigkeit. / Und war es endlich dir gelungen, / Und bist du vom Gefühl durchdrungen: / Was fruchtbar ist, allein ist wahr; / Du prüfst das allgemeine Walten, / Es wird nach seiner Weise schalten, / Geselle dich zur kleinsten Schar.“


So ist es nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern besonders für ein Unternehmen wichtig, die Zukunftsvorstellung so herauszustellen, dass das Künftige im Voraus lebendig werden kann. Das ist in Gemeinschaften besonders wichtig, weil viele am gleichen Ziel oder Anliegen arbeiten. Diese Zukunftsvorstellung nannten wir „Leitbild“.  

Solange ich noch selbst gemachte und selbst gestaltete Terminkalender nutzte, trugen sie immer den Spruch von Goethe: „Im Verhältnis dazu einen einzigen Tag sinnvoll zu gestalten, ist das ganze Leben ein Kinderspiel.“ Seitdem ich diese gegen die viel übersichtlicheren, einfach zu verändernden und immer sauberen elektronischen Terminkalender tauschte, muss ich viel öfter nachschauen, was gerade geplant ist. Die Willensbildung ist da anders.

Bedenke das Ende, führe aus der Zukunft. Dieses Zukunftsleitbild hilft, dass Ideen, die darin enthalten sind, über die Vermittlung einer zwischen Idee und Wirklichkeit zu erarbeitenden Strategie Wirklichkeit werden können. Diese Vorgehensweise ermöglicht die Beteiligung vieler Menschen an der Entwicklung der Idee wie auch an deren Verwirklichung. Darin entwickelt sich Willenskraft und Wärme.

Deshalb habe ich mich immer wieder herausgefordert, meine Lebensziele - mein Leitbild - neu zu fassen und von da aus auf Gegenwart und Vergangenheit zu schauen.

Als ich jetzt anfing, meine alten Unterlagen mit Hilfe meiner Assistentin zu ordnen und wir beide dabei ins Lesen kamen, bemerkte sie: Ich hätte ja schon sehr früh die Grundgedanken gehabt, die sie heute noch bei mir erlebt. Auch ich war manchmal überrascht, was ich früher schon formuliert hatte und jetzt wie neu entdeckte.

Schon vor der Begegnung mit der Anthroposophie hatte ich mir vorgenommen, die drei Unternehmeraufgaben Umgang mit Kapital, mit Arbeit und mit Ware nacheinander zu bearbeiten. Damit dieses Leitbild lebendig bleibt, habe ich jedes Jahr mit den für die Steuerung wichtigen Mitwirkenden an diesem gearbeitet und die Fortschritte auf diesen Gebieten genauso ernsthaft betrachtet wie die Bilanzzahlen. Alle 7 Jahre musste es ganz neu aus dem aktuellen Denken der Menschen aufgebaut werden, so dass es auch eine neue Form bekam. Dann war zu vergleichen, was dadurch zielmäßig anders, schwächer oder deutlicher geworden ist. Um dieses Leitbild wachzuhalten, wurde in jeder Geschäftsleitungssitzung und in allen Klausuren ein Stück davon herausgehoben besprochen. Dagegen haben wir es nie plakativ oder gerahmt aufgehängt. Solches schien mir die Willenskraft eher zu schwächen.

Heute - und das Heute begann schon mit der Zeit als Rudolf Steiner die Gedanken der Dreigliederung vorgestellt hatte - drängen diese zur Verwirklichung, das heißt zur Wirksamkeit im täglichen Leben. Immer stärker wird die Frage nach der individuellen Freiheit in den Gemeinschaften gestellt.


Die strebende Erringung der eigenen Freiheit hat Rudolf Steiner mit den beharrlichen Nebenübungen unterstützen wollen.

Morgenstern hat sie hilfreich dichterisch wunderbar zusammengefasst in den Versen:

„Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken, / des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone, / der flutenden Empfindung Maß und Meister, / zu tief, um an Verneinung zu erkranken, / zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne: / So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister: / So findet er den Pfad zum Thron der Throne.“


Die individuelle Freiheit, die der Mensch in Übung mit sich selbst erringen kann, muss jetzt in die Gemeinschaftsbildung einziehen. Wenn das vielleicht nicht so offensichtlich Thema des Faust ist, so möchte ich darauf hinweisen. Während Faust in seiner Kammer und in seinem Streben sehr weit vorangekommen ist, spürt er, dass ihm zum Menschsein etwas fehlt. Er verzweifelt, weil er auf diesem Gebiet nicht weiterkommt. Ostern, die Glocken, die Rettung vor Suizid und der Morgenspaziergang mit Betrachtung des menschlichen Treibens ermöglichen ihm, auch den Hund zu sehen und auf ihn einzugehen. Damit wird das Entwicklungsdrama um seine Beziehung zur Welt erweitert. Im Bund (Leib und Seele und Geist/Erde und Kosmos) mit dem Teufel bringt Faust sein Leitbild ein, dass er nicht ruhen und rasten wird, nicht verweilen wird. Rückblickend, als die Sorge ihm auf den Leib rückt, bestätigt er, danach gehandelt zu haben und entsprechend durchs Leben gerannt zu sein, sich nehmend, was er kriegen konnte, erlebnissüchtig wie viele Menschen heute. In der Art, wie er seinen Lebensgang da beschreibt, schwingt schon eine kritische Distanzierung dazu mit. Er hat sein Leitbild verwirklicht, aber war es das Richtige? Allwissenheit und Allmacht hatte er nicht erreicht. Aber er ist beim Versuch auf dem Weg dahin in Konkurrenz zu Allen und Allem gekommen, was ihm begegnete. Er konnte sich nicht damit kooperativ verbinden, sondern hat jede Gelegenheit für sich und seine Erfahrungssammlung genutzt. Damit hatte er zwar eine Voraussetzung für seine Erlösung erfüllt - „wer immer strebend sich bemüht“ - aber die zweite Voraussetzung für die Erlösung muss von denen kommen, die das als Gleichnis, Ereignis und Tat anerkennen können und die das Opfer, was für sie damit verbunden war, zu mindestens nachträglich akzeptieren. „Und hat an ihm die Liebe gar von oben teilgenommen.“

Was heißt das für uns heute? Wir sollen einsehen, dass wir keine Macher, sondern Ermöglicher sind. Wenn wir diese Bescheidenheit, diese Devotion erringen, dann werden wir vom Konkurrenzverhalten auch zu einem kooperativen Verhalten kommen. Wenn wir wissen und glauben, dass unser Bemühen und unser Tun das Einverständnis der mit uns in der Gemeinschaft verbundenen Menschen braucht, dann kommen wir zur Freiheit in der Gemeinschaft. Rudolf Steiner hat in seiner Vorstellung der Dreigliederung diese Entwicklungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten des Menschen - und Faust steht für den Menschen - fortgeschrieben.

Rudolf Steiner hat für sich selbst erkannt, dass Anthroposophie nur leben wird, wenn daraus für die Menschen erlebte Kooperationen werden. So hat er in den letzten Jahren in der Pädagogik, in der Landwirtschaft, in der Medizin, im Sozialen und im Wirtschaftlichen auf Fragen der Menschen nach besserer Wirksamkeit der Gedanken Einrichtungen geschaffen und begleitet. An diesen Einrichtungen sollte man die Richtigkeit der Anthroposophie erleben können. Wenn es bei Schiller und Goethe noch hieß: „Immer strebe zum Ganzen und, kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!“ So heißt es jetzt: Ein Einzelner alleine vermag wenig, nur wenn mehrere gemeinsam zu rechter Stunde zusammenkommen, wird vieles möglich. Auch darin wird die Notwendigkeit des Wechselns von der Konkurrenz zu Kooperation gefordert. Wir könnten aus der Historie wissen, dass Konkurrenz vornehmlich ein Trainingsprinzip war, dagegen ist Kooperation ein Leistungsprinzip.

Bei Konkurrenz und Kooperation denken wir immer - und oft nur - an Wirtschaft. Da sehen wir die Notwendigkeit zur Änderung. Wir vergessen gern, dass wir uns erst selbst so verhalten müssen in unseren Gemeinschaften, die wir tagtäglich bilden. Diese, unsere kleine Kooperation muss im Sinne von Gandhi der im Großen und Ganzen wirkenden vorausgehen.

Jeder Kaufakt ist eine Gemeinschaftsbildung, wenn auch eine vorübergehende und sehr zweckorientierte. Was heißt das zum Beispiel von der Konkurrenz zu Kooperation zu wechseln? Es heißt, dass ich das Interesse des anderen einzubeziehen habe und nicht nur aus meinem Interesse heraus den Tausch gestalte. Es heißt, dass ich in meinem Leben auf allen Gebieten dafür sorgen muss, andere Menschen nicht in Abhängigkeit zu bringen. Das ist ein schwieriges Feld, da wir alle mit einem „Wenn-Dann-Denken“ erzogen worden sind. Bedingungsloses Handeln, Leben aus der Liebe zum Handeln, das die beiderseitige Freiheit ermöglicht, ist nicht wirklich ein gepflegter Gedanke oder eine Kulturmaxime unserer Zeit.

Faust hat es geschafft, zu streben und zu erleben und dabei auch anderen Erlebnisse zu ermöglichen. Er hat es nicht geschafft, das Umfeld, in dem er seine Erlebnisse und sein Wirken vollzogen hat, glücklich zu machen oder glücklich zurück zu lassen. Alles was er getan hat war begleitet vom Erkennen und vom Versuchen, neue Möglichkeiten für die Zukunft zu finden. Man kann sich diese Frage stellen: Was wird die Aufgabe Fausts wohl in seinem nächsten Leben sein, was sein Schicksal?

Also, der Untertitel meines Themas ist: Von der Konkurrenz zu Kooperation. Das darf nicht nur auf das Wirtschaften bezogen bleiben. Richtig betrachtet, geht es um eine Lebenshaltung, die das Interesse am Anderen und sogar das Interesse am Anderssein des Anderen in den Mittelpunkt stellt. Dies führt zur Kooperation. Das kann man im Faust exemplarisch nachempfinden. Das drückt sich so in den Grundsätzen Rudolf Steiners aus, dass eben nur heilsam ist, wenn im Einzelnen das Ganze und im Ganzen der Einzelne lebt. Das gilt für die Gemeinschaftsbildung irdisch, das gilt auch für die Gemeinschaftsbildung mit der geistigen Welt. Seitens der geistigen Welt haben wir die Zusage, dass sie uns begleitet. Wie begleiten wir sie? Auch in diesem ganz umfassenden Sinne sollen wir von der Konkurrenz zur Kooperation kommen und uns gegenseitig ermöglichend begegnen. Dies wird zum Heil und zur Prosperität führen. Aber wir sollen es nicht tun mit Blick auf das Heil und die Prosperität, sondern ohne „Wenn-Dann“, bedingungslos, wie wir manchmal unbedacht sagen. Dieses Leben ohne „Wenn-Dann“, dieses Handeln nur aus der Liebe zum Handeln führt zum Schaffen aus dem Nichts.

Wenn diese Tagung und die Auseinandersetzung mit Faust fruchtbar werden soll und damit wahr, dann gilt das auch für die anthroposophische Bewegung und die anthroposophische Gesellschaft. Wir schauen oft auf die Bedürfnisse unserer anthroposophischen Gesellschaft. Ganz allgemein kann man beobachten: Je älter Gemeinschaften werden, um so mehr nimmt die Sorge um die eigene Existenz zu. Für das Verjüngen müsste noch eine andere Haltung gepflegt werden: Ohne Wenn und Aber, also ohne „Wenn-Dann“ auf die Nöte der Anderen zu schauen. Damit meine ich, auf die Bedürfnisse und die Nöte der allgemeinen menschlichen Gesellschaft zu schauen. Und dann muss man auch lernen, großzügig manchen unbedachten Schritt liebevoll als einen Versuch zu begleiten. Die Fruchtbarkeit wird ihn gegebenenfalls wahr werden lassen. Da geschieht schon enorm vieles, da kann vielleicht noch mehr geschehen.

Rudolf Steiner hat gefordert, vom Organisieren endlich zum Assoziieren zu kommen, und versucht durch das Hineinführen der individuellen Freiheit und deren Integration in die Bildung von Gemeinschaften, beide miteinander zu verbinden. Er war damit der Zeit weit voraus. Die Menschen haben in ihrer Gewohnheit bald die alten Gedanken wieder in die so gebildeten Gemeinschaften einziehen lassen. Das Göttliche, die geistige Welt stellte Rudolf Steiner in die Freie Hochschule und damit in die Mitte der anthroposophischen Gesellschaft.  Rudolf Steiner bildete eine Form, in der die Kraft des Zusammenwirkens ganz aus der Mitte kommen sollte und damit die Grenzen nicht satzungsmäßig festgelegt werden müssten. Er nannte dies die modernste Gemeinschaft, die es je gegeben habe. Hier liegt für uns noch eine große Aufgabe und eine Notwendigkeit.

Das Drama von Faust I und II weist uns auf individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen hin und auf die Bedeutung, wie wir über Wahrhaftigkeit Furchtbarkeit fördern können. Die Geschichte des Faust selbst zeigt uns in diesem Drama das unbändige Entwicklungsstreben eines Menschen, der sich gänzlich eingesetzt hatte, sehr Zukünftiges in das tägliche Leben hereinzuholen. Das Was war sehr ambitioniert, aber das Wie und die Mittel zur Erreichung waren dem widersprüchlich und unangemessen. Das brachte zunächst Unglück über die Beteiligten. Deshalb mahnte Goethe: „Das Was bedenke wohl, doch mehr bedenke das Wie.“

Solche Erfahrungen habe ich durchaus auch in meinem Leben gemacht und konnte bei der Arbeit an diesem Vortrag mir manches bewusster machen

In der mir verbleibenden Lebenszeit will ich versuchen mitzuhelfen, dass wir und ich selbst auch noch einiges von Goethe, Steiner und Morgenstern für die nächsten Schritte lernen können.


Gez. Wolfgang Gutberlet, 21.06.2020/letzte Korrektur, 16.07.2020

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Wolfgang Gutberlet und Adrian Metzger im Dialog zu Fragen und Impulsen unserer Zeit.

ZUR PERSON

Wolfgang Gutberlet

der „Ökomanager des Jahres 2005" wurde 1944 in Fulda geboren. Nach dem BWL-Studium trat er 1970 in das väterliche Unternehmen „tegut..." ein, das er bis 2009 leitete. Es war sein persönliches Anliegen, die Menschen mit gesunden und nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu versorgen. Mit der Übergabe des „tegut..."-Handels an die „Migros" 2013 wurde Wolfgang Gutberlet Vorsitzender des Aufsichtsrates der W-E-G Stiftung und Gesellschafter der W-E-G GmbH & Co. KG mit Sitz in Fulda. Wolfgang Gutberlet wurde mehrmals ausgezeichnet, u.a. als Entrepreneur des Jahres 2007, und 2008 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.