March 5, 2020

Wo steht der Mensch in der Welt?

Vom Reagierenden zum selbstbewussten, gestaltenden Menschen

Eines der ersten Spielzeuge, das ein Kind bekommt, ist oft ein Hampelmann. Das Kind lacht und freut sich, wenn nur an einem Strick ziehend, sich die vier Extremitäten, und manchmal auch der Kopf, gleichzeitig bewegen und es stellt fest, dass in diesen Bewegungen und dem Ziehen eine Regelmäßigkeit herrscht. Der Hampelmann reagiert. Er ist ein typischer Reaktionär. Später, herangewachsen, interessiert sich das Kind auch für die Wirkkräfte, die zwischen dem Zugseil und der Bewegung der Extremitäten herrschen. Es entdeckt die Kausalitäten, die Hebel- und Zugkräfte, die zu diesen Bewegungen führen. Das ermöglicht ihm, diese abstrakt in seine gedankliche Vorstellung zu bringen und so auf andere Situationen zu übertragen.

Wenn wir vom „lebendigen Denken“ sprechen, dann können wir üben, den Menschen denkend zu bewegen und ihn mit seiner offensichtlichen Reichweite hineinzustellen in das, was an Reichen um ihn herum ist, vor ihm und nach ihm, über und unter ihm. Wir bringen ihn in seine Beziehung, in seine Relationalität zur Welt.

Wie ist das beim Menschen: Uns ist klar, dass in ihm eine ganz andere Komplexität von Kräften wirksam ist als beim Hampelmann und dass diese wirkenden Kräfte nicht alleine reaktionäre Kräfte sind, sondern dass in ihm auch Strebkräfte sind. Man erkennt, dass in ihnen neben Vergangenheit, auch Zukunft wirkt, nicht nur Kausalität, sondern auch Finalität. Wenn der Menschen versucht, die Reiche um sich zu begreifen, sich bewusst zu machen die außerhalb von ihm liegen, so entdeckt er das Tierreich, das Pflanzenreich und das mineralische Reich. Es sind drei sichtbare Reiche, die er sinnlich erfassen kann in ihrer Körperlichkeit, in ihrer Natur und auch über ihre Funktionen. Sie sind außerhalb eigenständig sichtbar, existieren aber auch in ihm und konstituieren ihn teilweise.

Fragen wir uns weiter, welche Kräfte wiederum in diesen Reichen wirksam sind und wie wir sie bezeichnen können, kommen wir auf Begriffe wie – Feuer, Wasser, Licht, Luft, Wärme, Erde, Festigkeit, die wir in unserem Kulturraum in die vier Elementarkräfte – Wasser, Luft, Feuer, Erde zusammenfassen. Der Mensch kann spüren, wie die Reiche vom Mineralischen bis zum Tierischen in ihm sind. Das drückt sich in vielfältiger Weise aus. Und wir wissen auch, dass die Kräfte, die zur Bildung dieser Reiche beitragen, die Elementarkräfte, wirksam sind.Diese erleben wir, wenn sie alleine auftreten in ihrer Gewalt. Wir Menschen können uns diese Kräfte auch in uns bewusst machen. Wenn wir über sie sprechen wollen, sie unanschaulich vorstellen wollen, neigen wir dazu, diese Kräfte zu personifizieren, um uns so einbesseres Bild von deren Wirken machen zu können. Die Märchen und Fabeln erzählen uns inBeispiele darüber, wie Menschen zu Tieren, zu Pflanzen, zu Steinen werden können. Wir finden unzählige Beispiele dafür wie die Elementarwesen Wasser, Feuer, Luft und Erde sich ausdrücken in den Gnomen (Erde), Sylphen (Luft), Undinen (Wasser), Salamandern (Feuer)und wie sie ihre Rolle in der Menschheitsentwicklung spielen. Wir finden aber in der anderen Richtung auch, wie Menschen zu Engeln werden, wie Engel in Menschen leben, wie die höheren Hierarchien bis zu den ganz hohen Engeln, bis zum Göttlichen, in Menschenwirken, worüber in den Sagen und Religionen berichtet wird. Wer hören will und es übt, kann sie auch in sich fühlen und hören (zum Beispiel als Gewissen).

So können wir, wenn wir Menschen über die täglich uns vor Augen geführte offensichtlicheReichweite, lebendig hinausdenken, erkennen und unterscheiden lernen, welche Kräftemehr zur Herkunftsseite gehören und welche mehr zur Strebseite gehören, welche Kräftevergangenheits- und welche zukunftsbezogenen sind.

Schauen wir auf das Mineralreich, das Pflanzenreich und das tierische Reich aus andererPerspektive, zum Beispiel mit der Frage nach deren unterschiedlichen Bewusstseinsweiten, können wir beim mineralischen Reich ein Formbewusstsein erkennen, nicht ein Zeit- undRaumbewusstsein. Das sehen wir besonders schön in den beständigen Kristallen undEdelsteinen. Die Pflanzen hingegen haben darüber hinaus ein erweitertes Bewusstsein, einZeitbewusstsein. Sie verändern sich im Laufe der Zeit rhythmisch und wissen, wann und in welcher Reihenfolge sie welche Formationen einnehmen können und müssen. Es kommt zum Formbewusstsein aus dem mineralischen Reich hinzu. Das tierische Reich hat darüberhinaus ein Raumbewusstsein. Tiere müssen sich den Lebensraum suchen, der für sie zuträglich ist. Das Tier kann Beziehungen aufnehmen und sich räumlich zu anderen hinbewegen oder auch wegbewegen.

Was fügt der Mensch diesen ihm von da geschenkten Bewusstseinsqualitäten hinzu?
Es ist das Selbstbewusstsein. Der Mensch kann sich selbst reflektieren. Er kann über das, was ihm als Art gegeben ist, über Form-, Zeit- und Raumbewusstsein, sich denkend eine eigenständige Vorstellung bilden und diese anwenden in der Verwirklichung seiner Idee und dabei seine natürlichen Grenzen erweitern. Der Mensch ist der Kunstgriff der Natur, sich selbst zum Bewusstsein zu bringen. (bei Goethe: „Der Tod ist der Kunstgriff der Natur, vielLeben zu haben.“)

Einen Menschen, der nicht aus diesem erweiterten Bewusstsein, dem Selbstbewusstsein heraus gestaltet, sondern überwiegend aus den Gewohnheitskräften, die ja stark in ihm wirken, den nennt man gern einen Reaktionär oder Hampelmann. Was will man damit ausdrücken? Dass er reagiert auf eine sehr übersichtliche und einfache Weise. Man weiß, woman ziehen, drücken, piken muss, wenn man eine bestimmte Reaktion erreichen will. Der denkende Mensch hat andere Möglichkeiten als auf seine Gewohnheiten beschränkt zubleiben. (siehe das Wort „Gewohnheitstier“).

Der sich entwickelnde Mensch kann zum lebendigen Denken aufsteigen in dem er über seineSinne aufnimmt, was im Umfeld passiert, diesem nachspürt in seinem Herzen, um zu empfinden, was dort wirken will, was das Wesentliche ist, und er hat gelernt sich über dieseKräfte Begriffe zu bilden und im Laufe seines Lebens über seine ausgesprochenenErfahrungen zukünftige Wirkungen zu ahnen. Wenn er so erspürt hat in seinem Herzen, was an Wesentlichem wirkt, so kann er denkend vorausschauen, mehr oder weniger weit, auf dieFolgen alternativer Verhaltensweisen. Er muss dann nicht wie an einem Strick gezogen eine stereotype fremdbestimmte Reaktion zeigen, sondern kann wählen, wie er die Zukunft gestalten will. Dies überlegend, macht er sich frei, die Gegenwart anders zu gestalten als nur reagierend. Zusammenfassend gilt: Es ist die Aufgabe des heranwachsenden Menschen vomHampelmann zum Menschen zu werden, der geistesgegenwärtig, verantwortlich und selbstständig im Sinne des Ganzen handelt. Dann beginnt der Mensch zu herrschen über die verschiedenen Kräfte in sich und lebendiger zu werden als sich entwickelnder Mensch.Vielleicht können wir uns auf diesem Weg der Weiterentwicklung auch über die Menschheit, wie wir sie heute kennen, erweitern. Nehmen wir die Aufforderung zur Gottnachfolge ernst, so ist ein Weg gewiesen.

Menschsein heißt, dass wir im Bewusstsein haben, dass wir Teil einer ganzen großen Welt sind und dass wir zwischen unserer Selbstständigkeit, unserem Ziel selbst ein ganzes zu Sein, und dem, dass wir Teil eines viel Größeres sind, so zu wandeln, dass beides wie gleichzeitig in uns ist. Schiller schrieb an Goethe: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selbst keinGanzes werden, als dienendes Glied schließe an ein Ganzes dich an.“ Das drückt am besten die Ambivalenz des Menschen aus, sich als ein Ganzes, ein Gottähnliches, zu erleben und doch zu wissen und sich auch entsprechend zu verhalten, dass er Teil eines viel größeresGanzen und Göttlichen ist, in dem er sein Karma und seine Berufung finden und seinenMöglichkeiten entsprechend mitwirken kann.

Gez. 05.03., Wolfgang Gutberlet

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Wozu dieser Podcast?

Denken in Alternativen und Konsequenzen schafft Freiraum zum Entscheiden.
Wolfgang Gutberlet und Adrian Metzger im Dialog zu Fragen und Impulsen unserer Zeit.

ZUR PERSON

Wolfgang Gutberlet

der „Ökomanager des Jahres 2005" wurde 1944 in Fulda geboren. Nach dem BWL-Studium trat er 1970 in das väterliche Unternehmen „tegut..." ein, das er bis 2009 leitete. Es war sein persönliches Anliegen, die Menschen mit gesunden und nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu versorgen. Mit der Übergabe des „tegut..."-Handels an die „Migros" 2013 wurde Wolfgang Gutberlet Vorsitzender des Aufsichtsrates der W-E-G Stiftung und Gesellschafter der W-E-G GmbH & Co. KG mit Sitz in Fulda. Wolfgang Gutberlet wurde mehrmals ausgezeichnet, u.a. als Entrepreneur des Jahres 2007, und 2008 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis.